Carbonic Circus

Erster Teil – T'ćäè Forumsdiskussion

Eine FHTAGN-Yuggoth-Kurzgeschichte von Stefan Zimmermann

– Stefan Zimmermann, 2021

Endlich wieder ein Bad! Nicht irgendein Bad: ein Sinnenbad! Nicht irgendein Sinnenbad: Das SinnenbadT'ćM! das T'ćäè zeitlebens ersehnte, kündigt sich bereits seit Stunden an … Der letzte Reifezyklus endet; der erste Tatenzyklus bricht herein! – In entsprechender Verfassung ist T'ćäès Haut: Sie ist rissig, schroff und spröde, wirkt wie dunkelbraunes Pergament; und an manchen Stellen löst sie sich bereits von selbst … Nach jedem Sinnenbade bildet sie sich neu; und wird daraufhin gemächlich über Wochen fortweg ausgelaugt vom trockenen, hochbasischen Milieu des andernfalls gemütlichen, organischen Gewebekämmerchens, in dem T'ćäè lebt; und das für T'ćäè lebt – Ein symbiotisches, ein sorgenfreies Leben führen sie … ein bestimmungsvolles Leben! denn die Sinnenbäder sind der Inbegriff ihrer Bestimmung –

Und viele Sinnenbäder nahm T'ćäè bereits; vom Kämmerchen mit jedem neuen Zyklus feiner abgestimmt auf T'ćäès motorische und sensorische Besonderheiten – Viele Reifezyklen durchliefen sie, stets voneinander lernend, gemeinsam auf diese Weise; und mit jedem neuen Sinnenbad gedieh T'ćäès Verständnis dafür, welchem Zweck ihr Leben, welchem Sinn ihre Symbiose dient; und wichtiger noch: wie sich ihre Bestimmung letztendlich im ersten Tatenzyklus verwirklichen lässt; in dem wahrhaftig geschehen soll, was T'ćäè in bisherigen Sinnenbädern nur empfand … in unerlässlichen SinnenübungenT'ćM mit Hingabe erprobte! – Nun räkelt, streckt und dehnt sich T'ćäè besonders mühevoll und gründlich, um sich gänzlich der verbrauchten Haut zu entledigen. Mit jeder bewussten Überdehnung klaffen darunter, im wiederhergestellten, subkutanen Gewebe, unzählige winzige Wunden auf … Dickflüssiges, salziges, mit T'ćäès purpurnem Blut durchmengtes Wundsekret quillt tröpfchenweise aus ihnen hervor und verbindet sich schließlich zu einem glatten, elastischen, gallertartigen Film, der T'ćäès kleinen, drahtigen Körper wie eine milchig durchscheinende Ersatzhaut ganz und gar überzieht – Unter gewöhnlichen Umständen wäre dies wahrscheinlich ein unerträglich schmerzlicher Vorgang; doch nun ist es ein geradezu befreiendes Gefühl! denn T'ćäè ist betäubt von den berauschenden, ammonischen Düften, die zum Ende eines jeden Zyklus das Kämmerchen erfüllen –

Wie in Trance folgt T'ćäè den ebenfalls vom Kämmerchen verströmten, verführerischen Pheromonen hin zur muldenartigen SinnenporeT'ćM im zentralen Bereich des zotigen Bodens, dessen rudimentäre Peristaltik, angeregt von jedem Trippelschrittchen, mit weichen Wellenbewegungen sanft die Sohlen von T'ćäès krallenartigen Füßchen massiert – Da regt sich ganz plötzlich T'ćäès breites, flaches, nach innen gekrümmtes Näschen, beginnt, rege hin und her zu schnüffeln, dabei auf und ab zu wippen; und T'ćäès Mundwinkel gehen auf heitere Wanderschaft entlang der tief eingefallenen, kantigen Bäckchen … T'ćäè reißt das mit ornamentalen Chitinwucherungen bewehrte Köpfchen zur Seite und zuckt am ganzen Leib vor Freude! denn neue Pilze sind am Rande des Kämmerchens herangewachsen –

Auch T'ćäès restliche Sinne sind in diesen Phasen weitestgehend betäubt; und somit nur bedingt verlässlich: So erklärt es sich auch, dass sie die Pilze zuvor überhaupt nicht wahrgenommen hatten! – Dafür schlägt T'ćäès kraftvolles Herzchen nun umso höher und schneller; und es fühlt sich an, als flatterten tausende kleine Motten durch jedes Segment des rasselnden Bäuchleins. Dann zieht sich das Kehlchen zusammen: Derart ist T'ćäè gerührt; und das rundliche Gesicht strahlt aus den hervorstehenden, rötlich funkelnden Primäräuglein und dem breiten, unschuldigen Grinsen der zerklüfteten, schmalen, tiefschwarzen Lippen. Dahinter fühlt T'ćäè Phantomwasser im Munde zusammenlaufen! denn sämtliche Speicheldrüsen sind auf dem langen, gentechnischen Weg hin zu T'ćäès Generation verkümmert –

T'ćäè eilt mit jenen kleinen Trippelschrittchen flink hinüber zu den Pilzen und beugt sich hinab; beugt sich so rasch und weit hinab, dass sich der Wundsekretfilm über dem unteren, grünlich hindurchschimmernden Rückenfleisch noch einmal reichlich verstärkt! – T'ćäès spitze, scharfe, braunglänzende Zähnchen nagen zunächst nur die Käppchen der Pilze reihum ab, und schließlich Schicht für Schicht die Stielchen; und wegen des trockenen Rachens muss T'ćäè mit den ungewöhnlich langen, vielgliedrigen, hydraulisch bewegten Fingerchen ein wenig nachschieben: Seit frühester Kindheit verzehrt T'ćäè Pilze auf immer diese gleiche Weise! denn wohlige Erinnerungen keimen dann in Geist und Körper auf –

Auch ansonsten sind Rituale für T'ćäè von unverkennbarer Bedeutung; ebenso wie die uralten Traditionen der Ahnen! – T'ćäè stand zwar nie Derengleichen noch Artgenossen neuerer Generationen wahrhaftig gegenüber, kennt dafür jedoch jedes Detail ihrer bis weit in vorgeschichtliche Zeiten zurückreichenden Kultur; kennt sie von den Wänden des heimischen Kämmerchens, die übersät sind mit Symbolen, zu denen sich lumineszente Zoten präzise formen und fortlaufend umformen … Gleichzeitig erhellen sie das Kämmerchen mit warmem, bronzefarbenem Licht – T'ćäè liest seit jeher die wechselnden Inschriften mit Begeisterung; füllt den eigenen Geist mit dem arkanen Wissen: den Sagen und Sprüchen, den Fabeln und Formeln, den Lehren und Belehrungen, den Weisungen und Verheißungen; und über allem thront: Die Venusische Prophezeiung! – Das Lesen erfolgte stets instinktiv! denn das Verständnis für Wort und Schrift der Ahnen nistet tief in T'ćäès Erbgut –

In der Sinnenpore laufen die SinnensekreteT'ćM zusammen, die unzähligen winzigen Drüsen entsprießen, doch T'ćäè hält noch inne, bleibt gefasst; und kann doch kaum die SinnenverbindungT'ćM erwarten, die bekannterweise nur gelingt, wenn T'ćäès schimmernder Körper mit einem Male vollständig in das Sinnenbad eintaucht! – Gründlich wird ein weiteres Mal geprüft, ob sich noch Hautreste am eigenen Leibe befinden; und als die Pore hinreichend gefüllt ist, schwingt sich T'ćäè mittels weit gespreizter Fingerchen hinein … Die Botenstoffe des Sinnenbades dringen augenblicklich, gleichmäßig in den Film, verflüssigen ihn wieder und schnellen mit ihm als Trägerstoff durch die winzigen Wunden: in Fleisch und Blut, in Hirn und Mark, in Lymphen und Gelenke! – Körper und Geist werden durchflutet von elektrischen und chemischen Signalen, die T'ćäè gekonnt mit dem ganzen Körper, mit Hirnströmen aus geübten Gedanken, präzisen Mikrokontraktionen der eigenen Muskulatur, mit blitzschnellen Beugungen und Streckungen aller Glieder erwidert; und die Sinnenpore schließt sich über dem kleinen Symbionten: T'ćäè wird im Sinnenbad Eins mit dem Kämmerchen und verbindet sich mit den GefährtensinnenT'ćM: dem äußeren Nervensystem, das wiederum das Kämmerchen kontrolliert … Euphoria! Heureka! denn T'ćäè strotzt vor Tatendrang –

Ein schwaches Rütteln durchzieht T'ćäès Körper; im Wissen, dass die äußeren Klammern sich öffnen und die Transportdrohne freigeben … Ein Zischen und Rascheln durchströmt T'ćäès Gehör; im Wissen, dass die äußeren Versorgungsschläuche sich lösen und alle T'ćäè-Maschine-Schnittstellen dem Innenraum der Drohne entziehen … Ein gleichmäßiges, sanftes Vibrieren stellt sich ein; im Wissen, dass die Rotoren es sind, mit der sich die Drohne elegant erhebt … Ein tiefes Dröhnen ertönt; im Wissen, dass das Hangartor sich öffnet … T'ćäè weiß all dies, weil es schon unzählige Male in den Sinnenübungen geschah; und obwohl die Außenwelt noch immer nicht wahrhaftig sichtbar ist, weiß T'ćäè, dass die Flugbahn der Drohne geradewegs in die Wolkenwelt der Venus führt! genauer in den großräumigen Wolkenzirkus; eingegrenzt von Luxusluftgaleeren, hinter denen sich wiederum die riesigen Wolkenstädte zum Venusischen Neujahrsfest eingefunden haben – Die Drohnen schwärmen aus und tauchen den nächtlichen Venushimmel in ein märchenhaftes Spiel aus Farben und Formen, stellen schemenhaft Szenen der menschlichen Eroberung der Venus nach; und T'ćäè zeichnet die Flugbahnen aller Drohnen nicht minder präzise in Gedanken nach! – Die Choreographie ist minutiös im SinnenarchivT'ćM von T'ćäès eigenem Gefährt gespeichert, das zahm und geduldig im Inneren der hermetisch versiegelten Drohne ruhig und gleichmäßig die wenigen mitgeführten Kohlendioxidreserven atmet; und ausschließlich auf dieses Sinnenarchiv hat T'ćäè jetzt Zugriff. Weder verbindet T'ćäè irgendetwas mit der äußeren Drohnenhülle noch mit Systemen, die sich außerhalb der Drohne befinden. Es wäre zu gewagt; nichts über ihre lebendige Ladung darf die Transportdrohne preisgeben! – T'ćäè hat weder Einfluss auf die Flugbahn der Drohne noch Zugriff auf ihre Sensorik; verlässt sich ausschließlich auf die Worte der Erschafferin und hält sich bereit … und schließlich wird offenbar, dass der Augenblick der Erfüllung der Venusischen Prophezeiung gekommen ist! denn mit lautem Getöse wird das trojanische Drohnengehäuse brutal aufgebrochen und explosiv abgestoßen –

T'ćäè ist frei! breitet die Flügel aus und fliegt zum ersten Mal wahrhaftig, merkt kaum einen Unterschied zu den Sinnenübungen und ist dennoch überwältigt; und T'ćäès kraftvolles Herzchen schlägt höher und schneller! – Da blitzt ein gewaltiger, elektromagnetischer Impuls auf, der vom Hangar aus die Wolkenstädte durchdringt: Der erwartete Erste Impuls! fernab von den Wellenlängen des sichtbaren Lichts; und doch sieht T'ćäè den Impuls! und zwar so, wie das eigene, geflügelte Gefährt ihn sieht … T'ćäès Gefährtin! – Der Impuls zeigt sich so wahrhaftig wie die gewaltige Wolkenwelt der Venus: kaleidoskopisch durch die tausenden winzigen Augen der Gefährtin; die auf unterschiedlichste, elektromagnetische Spektralbereiche reagieren: T'ćäè sieht Mikrowellen, infrarot, rot, gelb, grün, blau, ultraviolett, Röntgenstrahlung, Gammastrahlung … und sogar schwach den kosmischen Hintergrund! – Vor ihren Augen erlöschen die Lichter der Wolkenstädte und stürzen die trojanischen Drohnenhüllen sowie die gewöhnlichen, mit festlicher Ladung befüllten Drohnen in tiefere Wolkenschichten hinab … und die Welt dröhnt unaufhörlich fort! und zwar so, wie T'ćäès Gefährtin sie dröhnen hört: durch den Flickenteppich aus Membranen und feinsten Fühlern, die ihren gesamten chlorophyllgrünen Körper überziehen – Deutlich hören sie das Ausfallen aller elektronischen Systeme der Wolkenstädte; sowie die panischen Schreie ihrer schlagartig aus festlicher Stimmung gerissenen, menschlichen Bewohner … und ein elektromagnetischer Impuls nach dem anderen blitzt auf; ausgesandt, um den Notfallsystemen der Wolkenstädte keinerlei Möglichkeit zu geben, sich zu aktivieren: Auch nur ein einziger Massentreiber, der mir seiner hochentwickelten Zielerfassung in Betrieb ginge, und T'ćäè würde mitsamt der Gefährtin in Windeseile in feinsten Fetzen durch das weite, venusische Wolkenmeer getrieben! – Alles muss jetzt schnell vonstattengehen! denn lange wird der unmittelbar an den Reaktor der Versorgungsstadt gekoppelte Impulsgeber der Beanspruchung nicht standhalten –

T'ćäè fühlt die prallgefüllten Säurekammern der Gefährtin … T'ćäès Säurekammern! gefüllt mit der Säure, die alle Stoffe, aus denen die Wolkenstädte bestehen, in exergonen Kettenreaktionen zu zersetzen vermag: bis hin zu ihren Fluor-Carbon-Beschichtungen, die vor Korrosion durch die saure Venusatmosphäre schützen; und T'ćäè spürt die Bereitschaft der Säuredrüsen der Gefährtin … T'ćäès Säuredrüsen! denn T'ćäè und die Gefährtin sind sinnenverschmolzenT'ćM; sie sind Eins –

Sie beide wurden für diesen Moment geboren! – Erschaffen! – Ineinander, miteinander gereift! – Die Gefährtin gezüchtet im Inneren der Drohne; und T'ćäè im Lebenskämmerchen im Inneren der Gefährtin … und T'ćäè lechzt! genau wie all die anderen T'ćäèi, die ringsum zu hunderten in ihren Gefährten, in ihren Sinnenbädern, voll der Erregung und der prall gefüllten Säurekammern regelrecht ihrer Bestimmung entgegenkreischen! – Sie sind viele und sie sind doch Eins: aus demselben Erbgut erzeugt! Sie sind T'ćäè; und die Stimme, die sie eint, ertönt:

Hört, T'ćäè, hört mich: Iä!
Ich bin T'ćäè-Mégistä! –
Ihr seid mein Erbe; meine Brut!
Nun badet Die in Säureflut,
Die mir die Erde stets verwehrt –
Auf dass die Venus uns gehört!

Sie ist auf ihre Züchtung stolz,
In der sie Gene wild verschmolz
Mit ihrer Ahnen Traum –
Sie kreischt aus ihrer Luftgaleere
Durch die dichte, saure, schwere
Venuswolkentroposphäre:
Ihren Sehnsuchtsraum –

T'ćäè kreischt: fglHt tlHéè
Und schwingt sich durch das Himmelsmeer
Und geht mit einem stolzen Iäää –
Das nie und nimmer enden will,
Im SinnenbadeT'ćM, laut und schrill;
Zum Kampf gedrillt im SinnenspielT'ćM
Auf Kurs zum ersten Angriffsziel …

Forsetzung folgt …